Chavéz-Rede auf dem Weltsozialforum 2005 in Porto Alegre

 

Rede des Präsidenten der Bolivarischen Republik Venezuela, Hugo Rafael Chávez Frías, beim Weltsozialforum in Porto Alegre, Gigantinho-Stadion, 30. Januar 2005

Welche Freude! Welche Jugend! Welche Bewegung ist hier im Gigantinho-Stadion zu spüren! Eine Umarmung aus meiner tiefsten Seele euch allen. Eine Umarmung von Herzen euch allen, Männern, Frauen, Mädchen, Jungen aus Brasilien, aus Lateinamerika und der Karibik, aus Nordamerika, Asien, Afrika, Europa. Lasst uns von hier aus unseren Gruss an die Völker der Welt senden. Von uns allen, die wir von einer besseren, möglichen und notwendigen Welt träumen und für sie kämpfen. An die Völker, die kämpfen, an die Völker, die träumen – so wie wir und gemeinsam mit uns.

Ihr werdet mich verstehen. Ich werde versuchen, ein bisschen langsamer zu sprechen, damit alle meine Worte und meine Sprache verstehen können, denn ich habe leider noch nicht Portugiesisch gelernt und noch viel weniger Englisch. Natürlich wird meine Rede noch länger, wenn ich langsam spreche, aber ich werde eure Zeit nicht missbrauchen. Es ist schon 20.15 Uhr hier in diesem herrlichen, magischen und wunderschönen Rio Grande do Soul von Porto Alegre in Brasilien.

Wir übertragen diese Veranstaltung für Venezuela live und direkt. Wir senden auch für Mittelamerika und Südamerika. Ich versichere euch, auf jeden Fall guckt uns ein Typ in Cuba zu, der heisst Fidel Castro. Da bin ich mir ganz sicher. Wie geht’s, Fidel? Wie steht’s? Ich bin mir ganz sicher, denn er hat mich angerufen. Er hatte seit 15 Uhr gewartet und wollte von mir wissen: Wann sprichst du denn nun? Und ich sagte ihm, er müsse noch warten, ich hätte hier ein volles Programm.

Ein Gruss also an alle, und wie schön ist diese Gegend. Wir sind heute morgen angereist. Als erstes haben wir die Sonne über dem unendlichen Brasilien aufgehen sehen. Es lebe Brasilien! Wir sind aus Caracas so etwa um Mitternacht aufgebrochen, um hier gegen sieben Uhr morgens zu landen, die Sonne stand schon am Himmel, eine herrlich strahlende Sonne und ein blauer Morgenhimmel. Dann sind wir anderthalb Stunden auf der Autobahn gefahren, vorbei an der Savanne, am Tal, haben die Felder gesehen und die Menschen, bis wir schliesslich zur Bauernsiedlung der Landlosenbewegung in Tapes gekommen sind. Dort waren wir bis zum Mittag, verbrachten den Vormittag mit den Bauernführern und den dortigen Gemeinschaften dieser familiären Landwirtschaft, auf diesem Saatfeld der Heimat. Wieviel lernt man doch auf solchen Reisen, wie viel Kraft schöpft man aus diesen unendlichen Weiten. Später sind wir zum Mittagessen gefahren, zu einer sehr interessanten Diskussion mit einer Gruppe von Intellektuellen und Denkern aus Brasilien, aus Amerika und der ganzen Welt. Wir haben gesprochen, uns ausgetauscht, untereinander und mit den Leitern des Weltsozialforums von Porto Alegre. Später dann noch eine ziemlich geräuschvolle Pressekonferenz.

Joao Pedro sagte mir auf dem Weg hierher, als er mich vom Hotel aus begleitete, es sei einfacher gewesen, Land zu besetzen, als mich durch diesen Trubel zu begleiten. Genau das sagte er, mit mir zusammen zu laufen ist komplizierter als Land zu besetzen. Aber nun sind wir ja endlich im Gigantinho, in diesem berühmten Stadion. Und es ist wirklich gigantisch, und ihr seid die Giganten hier. Die Giganten dieser Erde sind die Völker und ganz besonders die Jugendlichen. Einen Gruss an die Jugend! Hebt eure Hände, Jugendliche! Die Jugend! Wie sagte doch Ernesto Guevara, der Che: „Die Gegenwart bedeutet Kampf, doch die Zukunft gehört uns.“ Die Zukunft gehört euch, Mädchen und Jungen. Machen wir uns auf den Weg zu ihr, die Zukunft gehört euch. Sie gehört schon nicht mehr uns, sondern euch. Und da wir gerade von der Zukunft

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sprechen, möchte ich den Organisatoren danken, Cándido, Joao, euch allen. Seht her, wer mich an die Hand genommen und hergebracht hat: eine brasilianische Frau, eine Bäuerin, eine Landarbeiterin der Landlosenbewegung. Sie steht kurz vor der Entbindung, sie hat einen wunderschönen Bauch, den Bauch einer im siebten Monat Schwangeren. Sie heisst Sonia. Danke, Sonia, danke für diese Geste. Denn ausserdem trägt sie in ihrem Inneren die Zukunft dieses Landes, die Zukunft unseres Traumes. Die Kinder sind die Saat.

Diese andere Arbeiterführerin, Ana Manuela, hat ein Gedicht vorgetragen, das die Herzen berührt. Sie hat uns eingeladen, uns zu verschwören. Nun gut, verschwören wir uns also, betreiben wir eine Verschwörung. Ich schliesse mich Ana Manuela an, damit wir diese Verschwörung weltweit machen. Machen wir eine weltweite Verschwörung, eine wirkliche antiimperialistische, antineoliberale und antihegemoniale Verschwörung.

Ignacio Ramonet, ein guter Freund, wie ich ja schon sagte, hat mir die Ehre erwiesen und mich ausserdem verpflichtet mit all dem, was er gesagt hat. Aber er sagte, Hugo Chávez sei ein Anführer neuen Typs. Ich akzeptiere das, Ignacio, vor allem, wenn es aus einem so strahlenden Bewusstsein wie dem deinen kommt. Ignacio Ramonet Dixi, ich habe natürlich gedacht, dass ich ein Anführer neuen Typs bin, aber geprägt von einigen alten Typen. Man geht immer von den Ideen einiger alter Typen aus, einige sogar sehr alt, wie zum Beispiel Christus. Das ist ein alter Typ, er ist ja schon zwanzig Jahrhunderte alt. Christus, der wirkliche Christus, der Erlöser der Armen, ist einer der grössten antiimperialistischen Kämpfer, einer der grössten Revolutionäre der Weltgeschichte. Jesus von Nazareth, dieser alte Typ beeinflusst uns. Ebenso wie andere Typen, nicht ganz so alt wie Christus, aber alte Typen wie die, von denen Ana Manuela in ihrem Gedicht sprach. Wo ist Ana Manuela? Ah, dort ist sie, mit ihrer Kraft, mit ihrer Stärke, mit ihrer Liebe. Was könnte einen noch mehr verpflichten als jemand wie du, Ana Manuela, du als Tochter. Du bist wie meine Tochter, die auch hier ist, Rosa Virginia, und wie mein Enkel, Manuelito. Er schläft im Hotel. Er konnte nicht mehr. Er ist erst anderthalb Jahre und schläft im Hotel. Ich bin schon ein zweifacher Grossvater. Uns verpflichten die Kinder mit ihrer Leidenschaft, mit ihrer Tatkraft, mit ihrer Poesie. Du sprachst von einem alten Typen, Simón Bolívar, einem Typ, der durch diese Länder zog und ein Volk mit Hoffnung erfüllte, ein Volk, das mit ihm ging und ein Volk, das ihn zum Befreier machte und er machte dieses Volk zum Befreier. Beide machten sich zu Befreiern. Hier lässt man sich auch von einem anderen alten Typ inspirieren, der in Brasilien geboren wurde. Einem unendlichen Revolutionär, dem ich immer Ehre erweise. Er war ein grosser Compañero dieses anderen alten Typs, Bolívar. Ich spreche von José Ignacio Abre E’Lima, ein Brasilianer aus Pernambuco, ein Revolutionär, ein Sozialist, ein Bolivarianer.

Man lässt sich beeinflussen von anderen Typen, von alten Typen wie jenem asthmatischen argentinischen Arzt. Jener Muchacho, der unseren Kontinent per Motorrad bereiste, dann nach Mittelamerika ging und die Invasion der Gringos 1955 in Guatemala miterlebte, eine dieser unzähligen Invasionen, die der nordamerikanische Imperialismus über diesen Kontinent gebracht hat. Jener mexikanische Präsident hatte recht, als er, da hatte er wahrscheinlich schon zwei Tequila getrunken, seine Pistole zog und drei Schüsse in die Luft abgab – Peng, Peng, Peng – und dann ausrief: „Armes Mexiko – so weit entfernt von Gott und so nah an den Vereingten Staaten!“ Jener alte Typ also, der später in die Sierra Maestra ging und später ging und zurückkehrte und für immer unter uns blüht, wie es das Lied von Alí Primera, dem grossen venezolanischen Sänger, sagt:

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,,Comandante Che, sie haben dich getötet

Aber in uns bleibt

Für immer deine Erinnerung

Die vom Ruhm geformten Flussbetten

Zwischen Tälern und Bergen bewegend

Tragen für immer dein Bild als Guerrillero in das Tal

Und dein Blut fliesst in unseren Adern

Und bewegt die lateinamerikanischen Herzen“

Che Guevara. Von diesem Typen lassen wir uns inspirieren. Che Guevara. Wir lassen uns von alten Typen beeinflussen. Einige von ihnen waren Zivilisten, andere Soldaten. Der Che war ein militärischer Zivilist. Es gab Militärs alten Typs wie meinen General Omar Torrijos, den nationalistischen Präsidenten des revolutionären Panama. Mein General Juan Velasco Alvarado, der Präsident Perus, Führer des Inka-Plans und der nationalen peruanischen Revolution. Wir sind beeinflusst von Luis Carlos Preste, diesem Ritter der Hoffnung. Es lebe Preste!

Wir sind auch inspiriert von alten Typinnen, denn es gibt hier auch Typinnen, einige Typinnen. Eine Typin wie jene, die Bolívar unendlich liebte und sie die Befreierin des Befreiers nannte. Sie war aus Quito und schön. Sie sah schön aus und schön war, dass sie eine Revolutionärin war, meine Frau Oberst Manuela Sáenz, die Befreierin des Befreiers, die Kämpferin in der Schlacht von Ayacucho vor 180 Jahren. Bis zum Cerro Condor, bis in das Tal der Toten kam Manuela durch ihre Liebe zur Heimat, zur Revolution und für Bolívar.

Manuela war so patriotisch und liebte Bolívar so sehr, dass sie ihren Ehemann verliess und diesem einen Brief schrieb: ,,Ich verabschiede mich von dir, mein Schatz, ich gehe mit diesem Mann, der ein Wirbelsturm ist.“ Und sie ging, sie zog in den Krieg. Sie war eine Revolutionärin.

Aber Frauen haben auch so ihre Eigenarten. Es leben die Frauen! Einen Kuss euch allen! Sie schrieb Briefe an Bolívar. Im Englischen gibt es ein Sprichwort, das lautet ,,Wenn deine Frau von dir verlangt, aus dem Fenster zu springen, geh ins Erdgeschoss“. Die Frauen haben so ihre Eigenarten. Manuela schrieb an Bolívar, und wisst ihr, was sie von ihm verlangte? Er schrieb ihr immer auf einem Blatt mit grossen Buchstaben, der Arme hetzte wahrscheinlich von Schlacht zu Schlacht, und sie schrieb ihm und forderte von ihm, er solle mit ganz kleinen Buchstaben schreiben, sie werde keine Briefe mehr mit riesigen Buchstaben akzeptieren. Nun ja, Bolívar schrieb also künftig so klein er konnte.

Nun gut, von dieser Typin lassen wir uns auch beeinflussen, von vielen alten Typen und Typinnen. Einige sind schon gestorben und andere nicht. Es gibt einen alten Typ, der uns seit vielen Jahren beeinflusst, er trägt einen Bart. Vor kurzem, als er dachte, er sei noch Zwanzig, fiel er hin und brach sich sein Knie in acht Teile, aber er läuft schon wieder wie immer. Man lässt sich inspirieren von diesem alten Typ, der Fidel Castro heisst. Von alten Typen wie Abreu E’Lima, Artigas, San Martín, O’Higgins, Emiliano Zapata, Pancho Villa, Augusto César Sandino, Morazán lassen wir uns inspirieren. Sie alle haben eine Aufgabe übernommen, und hier und heute verstehe ich sie aus tiefstem Herzen, denn wir haben diese Aufgabe von ihnen übernommen. Und sie alle, Tupac Amarú, Guacaipuro und alle diese alten Typen: sie sind zurückgekehrt.

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Einer dieser alten Typen sagte etwas als er starb. Sie ermordeten ihn, sie zerstückelten ihn. Der Imperialismus war immer schon grausam. Es gibt keinen guten oder schlechten Imperialismus, jede Form von Imperialismus ist irrsinnig, grausam, pervers, egal, wie er sich darstellt. Diesen Indio banden sie zwischen Pferde, und eines zog nach hier und ein anderes zog nach dort, bis sie ihm die Arme und Beine ausrissen. Als er spürte, dass er starb, es nicht mehr aushielt, stiess er einen Schrei aus: ,,Heute sterbe ich“, schleuderte er den Imperialisten entgegen, die ihn umbrachten. ,,Heute sterbe ich, aber eines Tages kehre ich millionenfach zurück!“ Und Atahualpa ist millionenfach zurückgekehrt. Tupac Amarú ist millionenfach zurückgekehrt. Bolívar ist millionenfach zurückgekehrt. Sucre und Zapata sind millionenfach zurückgekehrt. Hier sind wir, und sie sind bei uns.

Nun gut, ich möchte jetzt in diesem Stadion Gigantinho etwas sagen. Zunächst möchte ich mich für die Einladung bedanken, und zum Zweiten fragen: Warum bin ich hier? Ich bin hier, weil, wie ich vor zwei Jahren ebenfalls hier in Porto Alegre, beim dritten Weltsozialforum, gesagt habe: Dieses Weltsozialforum ist die wichtigste politische Veranstaltung der Welt. Es gibt keine andere von solcher Bedeutung.

Ich bin hier, weil ich gemeinsam mit meinen Compañeros und Genossen der venezolanischen Delegation, die mich begleiten, lernen und nochmals lernen möchte. Wir möchten lernen, uns mit noch mehr Leidenschaft, noch mehr Liebe, noch mehr Wissen wappnen, und wir haben uns auf die Suche gemacht. Denn was wir in Venezuela in aller Bescheidenheit machen, ist nicht mehr als ein Experiment. Und wie jedes Experiment muss es immer genau überwacht werden. Es muss geprüft werden, wie das Experiment verläuft, genauso, als wenn wir in einem Labor chemische Experimente machen würden. Es ist ein Experiment, eine Probe, und offen für alle die wunderbaren Erfahrungen, die in der Welt gesammelt werden.

Das Weltsozialforum von Porto Alegre hat sich in diesen fünf Jahren, in diesen fünf Ausgaben zu einer festen Plattform für Debatten und Diskussionen entwickelt, eine breite, reichhaltige Plattform, auf der sich der grösste Teil der Ausgeschlossenen, derjenigen, die in den Zimmern der Macht keinen Stimme haben, ihre Stimme erheben kann – um zu protestieren, um zu singen, um zu sagen, wer sie sind und was sie wollen, um ihre Gedichte, Lieder, Hoffnungen vorzutragen, um Übereinstimmungen zu suchen. Ich bin deswegen hier und aus vielen weiteren Gründen. Ich bin auch hier, um mich im Namen des venezolanischen Volkes zu bedanken für die Solidarität, für all die Gesten der Unterstützung, die von hier ausgegangen sind. Und viele der hier Vertretenen sind auch immer wieder nach Venezuela gekommen, in das in den letzten Jahren vom Imperialismus angegriffene Venezuela, in das bolivarianische Venezuela. Deshalb vielen Dank. Ich bin auch hier, um euch diesen Dank unseres Volkes zu übermitteln.

Auf der anderen Seite, Compañeras und Compañeros, fühle ich mich hier in keinster Weise als Präsident. Ich bin hier nicht als Präsident. Das mit dem Präsidentsein ist nur ein Umstand. Ich bin kein Präsident, ich bin Hugo. Ich bin kein Präsident. Aufgrund der Umstände erfülle ich meine Rolle wie jeder seine Rolle in einer Mannschaft: wie der Torwart, der Stürmer, der Pitcher, der Catcher, der Soldat in der Vorhut oder der in der Nachhut oder wie der Arbeiter, der den Acker pflügt und der, der die Saat ausbringt und der, der schliesslich die Ernte einbringt – jeder füllt schliesslich eine Rolle aus. Ich bin ein Bauer, ich bin ein Soldat, ich bin ein Mensch, der überzeugt ist von diesem alternativen Proj ekt und von einer besseren und möglichen Welt, die notwendig ist, um diesen Planeten zu retten.

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Deshalb bin ich nach Porto Alegre gekommen, ein Aktivist mehr, ein Aktivist der revolutionären Sache. Denn damit hat Ignacio Ramonet recht: Ich bin ein Revolutionär und jeden Tag bin ich mehr Revolutionär, denn jeden Tag kann ich mich mehr davon überzeugen, dass dies der einzige Weg ist, auf dem wir die kapitalistische Hegemonie brechen können. Die Hegemonie der Oligarchien dieses Planeten können wir nur auf dem Weg der Revolution überwinden, es gibt keinen anderen Weg.

Ihr wisst, die Prozesse haben alle ihre eigenen Rythmus. Gestern haben wir in Caracas hart gearbeitet und einen wichtigen Besuch betreut, den Vizepräsidenten der Volksrepublik China und eine hochrangige Delegation, und wir haben gestern neunzehn Verträge unterzeichnet.

Die Beziehungen zwischen der bolivarianischen Revolution und der chine sischen Revolution reichen vom Untergrund bis in die Stratosphäre. Wir haben Abkommen geschlossen, von denen wir einige bereits umsetzen, um Erdöl und Gas in Venezuela zu suchen. Und wir haben auch ein Abkommen geschlossen, um in China einen Satelliten zu bauen, den wir auch von China aus ins All schicken werden, aber es wird ein venezolanischer Satellit sein. Venezuela wird endlich seinen eigenen Satelliten haben. Deshalb reichen die Abkommen vom Untergrund bis in die Stratosphäre. Passt auf. Der chinesische Vizepräsident brachte mir ein Geschenk mit. Ich bin sehr maoistisch, seit ich jung war, seit ich in die Militärakademie eintrat und begann, Mao Tse-Tung zu lesen. Ich las seine militärischen Schriften, seine philosophischen Schriften, seine politischen Thesen, das Rote Buch. Ich begann Che zu lesen und das Olivgrüne Buch, Bolívar und seine Reden und Briefe und schliesslich wurde ich Maoist, Bolivarianer, eine Mischung aus allem. Deshalb brachte mir der Vizepräsident eine Sammlung der gesammelten Werke von Mao Tse-Tung, dem ,,grossen Steuermann“, mit. Und so sass ich im Flugzeug und las den ersten Band. Ich las alles von neuem, denn vieles habe ich schon vor Jahren gelesen. Im ersten Kapitel des ersten Bandes behandelt Mao Tse-Tung das Thema, was lebensnotwendig für jede Revolution und für jeden Revolutionär ist. Es ist unverzichtbar, sagt er, ,,genau zu wissen, wer die Freunde und wer die Feinde sind“. Und später fügt er detaillierter hinzu: ,,Alle gescheiterten Revolutionen in der chinesischen Geschichte“ – er spricht von China – ,,scheiterten neben anderen wichtigen Gründen daran, dass die Revolutionäre aufgewühlt von den Leidenschaften des Augenblicks, der erlebten Stunde, der allgegenwärtigen Widersprüche, die auch noch von Leuten von innen und aussen verstärkt wurden, aus dem Blick verloren, wer die wirklichen Freunde und die authentischen Feinde waren.“ Es ist wichtig, dass wir in Lateinamerika erkennen, wer die wirklichen Freunde und wer die authentischen Feinde sind. Ich bin schliesslich davon überzeugt, dass wir nur auf dem Weg der Revolution einen Ausweg aus dem historischen Morast finden können, in dem wir seit Jahrhunderten stecken, seit 500 Jahren, seit 200 Jahren. Und so bin ich nun hier in Río Grande Do Soul, dem Grossen Fluss des Südens, wie man auch sagen kann. Die grossen Länder des Südens, die grossen Täler des Südens, die grosse Meere des Südens, die grossen Träume des Südens und vor allem die grossen Völker des Südens. Der Süden, der Süden, der Süden! Do Soul, Do Soul, Do Soul!

Ich lerne schon ein bisschen Portugiesisch. Ich habe ein bisschen was in China gelernt, Chinesisch lernen ist ein bisschen schwieriger als Portugiesisch lernen. Sie haben mir zwei Wörter auf Chinesisch beigebracht: ,,Ni hao, ni hao“! Wisst ihr was das heisst, ni hao? Ni hao heisst Hallo, wie geht’s. Und dann ,,xie xie“ – Danke, danke. Die zwei Wörter kenne ich, ich habe also ein paar Fortschritte gemacht. In den vier Jahren, die ich nach China reise, habe ich diese beiden gelernt.

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Nun gut, der Süden. Wie sagt Benedetti: ,,Den Süden gibt es auch.“

Nun ja, mit allem Respekt euch aus dem Norden gegenüber – Ignacio ist aus dem Norde, hier sind viele Leute aus dem Norden Amerikas, klar, auch in Nordamerika gibt es Revolutionäre. Es gibt viele Revolutionäre im Norden, in Europa, in Nordamerika. Aber ich glaube wirklich, vielleicht irre ich mich da, dass die Gegend, in der es weltweit das meiste Bewusstsein über die Notwendigkeit dringender, schneller und tiefgreifender Veränderungen gibt, der Süden der Welt ist. Der Norden ist schön. Im Sommer kann man auf den Strassen des Nordens unter der strahlenden Sonne spazierengehen. Im Frühling spaziert man durch die Städte des Nordens mit den Blumen und der frischen Brise oder, so man fährt, so wie wir, mitten im Winter hin. Aber das grössere Bewusstsein, die grössere Kraft gibt es, im Süden, obwohl die Bewegungen für eine andere Welt auch im Norden schon einiges aufgeweckt haben. Ich glaube es ist offensichtlich, warum das es so ist. Der Süden erlitt über Jahrhunderte die Angriffe aus dem Norden. Keine Angriffe der Völker des Nordens, sondern der Imperien des Nordens. Im Süden gab es kein Imperium. Hier in Brasilien gab es ein Königreich, aber das war mehr der Versuch eines Imperiums, ein Königreich, das später eine Republik wurde und heute diese grosse, herzlich und tief geliebte föderative Bruderrepublik ist. Aber Brasilien war nie wirklich ein Imperium, trotz einiger Kriege. Brasilien ist nie über den Atlantik nach Afrika gefahren, um Völker zu überfallen und zu versklaven. Wir können also sagen, Brasilien war ein gutartiges Königreich. Mit dieser These wäre ich einverstanden, ein gutartiges Königreich, so gutartig, dass Simón Bolívar dies akzeptierte. Er hat schliesslich akzeptiert, Beziehungen mit dem Reich Brasilien aufzunehmen, und als er 1830 den ersten Botschafter in Bogotá empfing, sagte er: ,,Das Reich Brasilien ist die grösste Garantie, die die Vorsehung den Südamerikaner gesandt hat, um das Fortbestehen unsere neugeborenen Republiken zu sichern.“

Ich sprach vom Süden. Compañeros. Ich möchte daran erinnern, dass wir in diesem Jahr, im April, den 50. Jahrestag eines sehr wichtigen Ereignisses begehen, das 1955 in Indonesien stattfand: das Gipfeltreffen von Bandung, bei dem die Bewegung der Nichtpaktgebundenen geboren wurde. Es ist gut, daran zu erinnern.

Vor 200 Jahren, 1826, lud Bolívar zum Gipfel von Panama ein, im kommenden Jahr begehen wir den 180. Jahrestag dieses Kontinentalen Kongresses von Panama, dessen Erfolg vom nordamerikanischen Imperium verhindert wurde.

Simón Bolívar war also der erste, oder einer der ersten, Antiimperialisten dieses Planeten. Simón Bolívar sah die imperialistische Bedrohung durch Nordamerika voraus. 1828 schrieb Bolívar diesen Satz in einem Brief an einen guten Freund, eine wirkliche Prophezeiung: ,,Die Vereinigten Staaten von Nordamerika scheinen von der Vorsehung dazu verdammt zu sein, die Völker Amerikas im Namen der Freiheit mit Elend zu überziehen.“ Das schrieb Simón Bolívar eigenhändig 1828.

Aber zurück zum Gipfeltreffen von Indonesien 1955. Dieser Gipfel wurde veranstaltet von Tito, von Neru und von Sukarno. Es war ein Gipfeltreffen, um die Einheit der Länder und Völker vor allem Asiens und Afrikas zu begründen, und daraus ging die Gruppe der Nichtpaktgebundenen hervor, dort wurde das Bewusstsein des Südens geboren. Dort entstand die Kommission des Südens, die von dem grossen afrikanischen Führer Julius Nyere geleitet wurde. Nyere starb kürzlich im Alter von 90 Jahren. Die Kommission des Südens machte wichtige Vorschläge, aber dann brach die Sowjetunion zusammen, die Berliner Mauer fiel, und es folgten, wie es Joseph Stiglis formulierte, die ,,glücklichen 90er“. Alle waren glücklich, das Ende der Geschichte, der letzte Mensch, die technokratische Ära. Die Kommission des Südens wurde eingefroren

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und das Bewusstsein des Südens versank in den Tiefen des antarktischen Eises. Stattdessen überrollte uns wie eine Lawine der Konsens von Washington, der Neokolonialismus in der einige täuschenden Verkleidung als Neoliberalismus, und all die Politik des Internationalen Währungsfonds, der besonders den Ländern Lateinamerikas eine Überdosis verpasste.

Heute können wir hier in Rio Grande Do Soul feststellen, und dafür gibt keinen besseren Ort als das Weltsozialforum, dass viele Dinge nötig sind, um die Welt zu retten. Eines der wichtigsten ist das Bewusstsein des Südens, das Wiederbeleben des Bewusstseins, dass es auch den Süden gibt. Ich würde sogar noch weiter gehen, Compañeros. Mag sein, dass dies einigen im Norden noch nicht klar ist, aber die Zukunft des Nordens hängt vom Süden ab. Denn wenn wir nicht tun, was wir tun müssen, wenn wir nicht tatsächlich diese andere Welt möglich machen, wenn wir also scheitern sollten – was wir nicht tun werden – und wenn sich deshalb endgültig die Welt der Bajonette, der nordamerikanischen Marines und der mörderischen Bomben des Mister Bush durchsetzen sollte, wenn es im Süden die notwendige Kraft, Bewusstheit und Organisation zum Widerstand gegen den Neoimperialismus und die Bush-Doktrin nicht gäbe, würde dies die Welt direkt in ihre Zerstörung führen.

Wieviele Jahre haben wir noch? Ich weiss es nicht. Es gibt wissenschaftliche Studien die davon sprechen, dass, wenn wir in diesem Tempo weitermachen und sich der Planet in der selben Geschwindigkeit wie zur Zeit erwärmt, wird die Temperatur des Planeten in hundert Jahren ein massives Abschmelzen der Polkappen verursacht haben und der schreckliche Tsunami, der in diesen Wochen die Küsten Asiens heimsuchte und über Zweihunderttausend Tote forderte, würde nichts gegen die Wellenberge der Ozeane sein, die ganze Völker, ganze Länder verschlingen würden. Wenn die Ozonschicht sich weiter öffnet, weiter in Stücke zerbricht, und die Sonne direkt auf die Erdkruste trifft, werden die Brände, die Temperaturen und die weltweite Atemnot ein Grossteil des Lebens auf diesem Planeten auslöschen. Dies nur aus einem, sagen wir, geographischen, physikalischen und naturwissenschaftlichen Blickwinkel. Aber nicht nur das, vielleicht würde noch vor dem Abschmelzen der Planet durch Hunderte gewaltsamer Rebellionen in Flammen aufgehen, weil die Völker sich nicht untätig ein Modell wie den Neoliberalismus, wie den Kolonialismus aufzwingen lassen.

Vor einigen Jahren sagte ein Indígena-Führer in einem Land dieses Kontinens, nach einer Rebellion der Eingeborenen, als die Indios zu den Waffen griffen und in die Berge gingen einem Journalisten, der nach dem Warum fragte, mit aller Deutlichkeit: ,,Ich sterbe lieber kämpfend als vor Hunger.“

Deshalb machte auf den Gipfeltreffen der Präsidenten Vorschläge. Vor einem Jahr gab es in Caracas den Gipfel der Gruppe der 15, überall gibt es Gipfeltreffen. Bei einer Gelegenheit sagte ich: ,,Wir Präsidenten gehen von Gipfel zu Gipfel während die Völker von Abgrund zu Abgrund gehen.“

Vor einem Jahr haben wir begonnen, die Idee, die Notwendigkeit zu vertreten, das Bewusstsein des Südens, die Räume des Südens und die Vorschläge des Südens wiederzubeleben.

In diesem Zusammenhang, ich mache es jetzt mal so wie vorhin Ignacio Ramonet, der den Abend auch damit eröffnete, uns Fragen zu stellen und zu beantworten. Ich könnte mich auch hier vor euch fragen: Wozu bin ich gekommen?

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Das habe ich mich gestern in Caracas und heute nacht im Flugzeug und heute morgen gefragt: Was sollte mein Hauptziel sein. Denn ich bin aus vielen Gründen gekommen, aber ganz besonders bin ich aus einem Grund gekommen und ich werde ganz bestimmt nicht aufhören, ohne das gesagt zu haben.

Ich bin zum einen natürlich gekommen, um in wenigen Worten auszudrücken, was in Venezuela vor sich geht, vor allem seit meinem letzten Besuch in Porto Alegre, damals im Januar 2003, als wir uns noch mitten in der Schlacht gegen die imperialistischen Kräfte befanden, die Venezuela angriffen, die unser Volk angriffen. Als im Januar das venezolanische Erdölunternehmen fast stillstand, als sie unsere Raffinerien, Schiffe, Förderanlagen, Elektronik, Computersysteme sabotierten. Sie versuchten, unser Volk auszuhungern. Sie wollten das Land implodieren lassen, damit die Regierung aufgeben und der Präsident zurücktreten müsste.

Nach dem Militärputsch, nach dem Terrorismus, nach der imperialistischen Aggression, nach der wirtschaftlichen Erdölaggression kam die Kapitalflucht. Damals im Januar 2003 trafen wir gerade die Entscheidung über die Währungskontrolle, wir hatten sie die Nacht vor meinem Besuch in Porto Alegre getroffen. Wir hatten den Verkauf des Dollar für zwei Wochen suspendiert, um in diesen zwei Wochen ein strenges Währungskontrollsystem aufzubauen. Zwei Jahre später gibt es dieses System und Venezuela wird die Kontrolle über die venezolanische Währung behalten, um das Land vor der Finanzspekulation zu schützen, vor dem vagabundierenden Kapital, das mehr als ein Land ruiniert hat.

Ein Ergebnis der Währungskontrolle ist, dass unsere internationalen Reserven auf eine Rekordsumme angestiegen sind, wir sind jetzt bei nahe 25 Milliarden Dollar. Damals, bei dieser Gelegenheit, befanden wir uns noch mitten in der Schlacht. Nichts deutete damals ganz klar darauf hin, dass wir diese Schlacht gewinnen würden. Aber wir hatten die feste Überzeugung, das wir es schaffen würden, starkes Vertrauen in die Antwort des Volkes, in die Antwort der Streitkräfte, in die Antwort der Erdölarbeiter, die das Erdölunternehmen schulterten und uns seine Rückgewinnung ermöglichten. Das Volk besetzte die Raffinerien und die Erdölfelder, übernahm den Erdöltransport und setzte die Industrie wieder in Bewegung. Das Volk, gemeinsam mit den Soldaten, demonstrierte der venezolanischen Oligarchie, dass sich das venezolanische Volk nicht ergibt, dass sich das venezolanische Volk niemals ergeben wird.

In diesen zwei Jahren sind viele Dinge passiert. Es sind so viele Dinge passiert, dass ich sagen darf, wenn ich mit euch darüber nachdenke, dass Leo Trotzki recht hatte als er sagte: „Jede Revolution braucht die Peitsche der Konterrevolution.“ Das stimmt. Die Konterrevolution hat uns Peitschenhiebe versetzt, die Yankees haben uns gepeitscht: Wirtschaftssabotage, Mediensabotage, soziale Sabotage, Terrorismus, Bomben, Gewalt, Blut und Tod, Staatsstreich, Manipulation der Institutionen, internationaler Druck. Damals, 2003, wollten sie Venezuela über die Organisation Amerikanischer Staaten in einen Marionettenstaat verwandeln. Sie versuchten, in Venezuela einen Prokonsul zu installieren, der täglich Pressekonferenzen veranstaltete. Sie versuchten, eine Macht über der Macht oder eine übernationale Macht zu installieren, die über unseren Gesetzen, über unseren Institutionen, über unserer Verfassung stehen sollte. All dem haben wir widerstanden. Dieser imperialistische Angriff erlaubte es uns, zuerst in die Defensive zu gehen und der Aggression Widerstand zu leisten, Widerstand und wieder Widerstand, bis wir soweit waren, in die Gegenoffensive zu gehen, zum Gegenagriff überzugehen. Und so konnten wir 2003 erstmals sagen, dass Venezuela sein

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Erdölunternehmen zurückgewonnen hat, denn bis dahin war es immer in den Händen der venezolanischen Oligarchie und des nordamerikanischen Imperiums gewesen. Wir gewannen die Erdölindustrie zurück, aber das war eine Schlacht, eine wirkliche Schlacht. Ein ökonomischer, sozialer, kommunikativer, technologischer, militärischer und Volkskrieg.

Das waren die Tage der Plaza Altamira und der Aufrufe zur Militärrebellion, zu einer Militärintervention der Vereinigten Staaten.

Um euch ein Beispiel zu geben, Compañeros, wie heute die revolutionäre Regierung, die Revolution sich dank des Angriffs der Konterrevolution und der revolutionären Gegenoffensive gestärkt haben, möchte ich euch nur einige Daten nennen. Im vergangenen Jahr, 2004, konnten wir aus dem Haushalt des Erdölunternehmens Petróleos de Venezuela - nicht aus dem nationalen Haushalt, nur aus dem Haushalt der PdVSA - fast vier Milliarden Dollar für soziale Investitionen ausgeben, für die Bildung, die Gesundheit, die Mikrokredite, den Wohnungsbau. Davon profitierten vor allem die Armen, oder wie Victor Hugo sagen würde, ,,die Elenden“.

Die Neoliberalen sagen, das sei Verschwendung. ,,Chávez verschleudert das Geld“. Aber sie schenkten es den Gringos, sie verteilten es unter ihren saftigen Geschäften. Wir aber haben ein besonderes System aufgebaut, zum Beispiel Stipendien. Wir haben alle dazu aufgerufen, und so lernt in Venezuela heute fast jeder: die Grossmutter, der Grossvater, der Sohn, der Enkel. Alphabetisierung. Wer die Grundschule nicht abgeschlossen hat, schliesst sie jetzt ab. Ebenso diejenigen, die nicht die Mittelstufe beenden konnten. Und so sieht man jetzt Männer und Frauen im Alter von 50, 40, 20 Jahren, einige 80 oder 90 Jahre alt, die lernen mit einem Fernseher und Videos. Das ist die kubanische Methode. Alle Videos wurden in Cuba produziert, dank der Hilfe der kubanischen Revolution und dank der Beteiligung des venezolanischen Volkes.

Aber was passierte dann. Jetzt sind wir so weit, dass die grosse Mehrheit begonnen hat, weiterzulernen, nach zwanzig oder dreissig Jahren die Grund- oder Mittelstufe fortzusetzen oder sich nach zehn, nach fünf Jahren sich endlich für höhere Schulen einschreiben kann. Eines Tages traf ich einen Schulkameraden von mir, wir hatten gemeinsam die fünfte Klasse abgeschlossen. Ich ging auf die Militärakademie, aber er konnte nicht weiterlernen. Er heiratete, heute hat er schon Enkel und ich sah ihn in einer Aula beim Lernen. Anfangs habe ich ihn nicht erkannt, aber er sagte zu mir: ,,Hugo, erinnerst du dich nicht an mich“, von damals, aus unserem Dorf. Und als ich mich erinnerte, wer er war, sagte er: ,,Ich konnte nie auf die Universität gehen, Hugo. Doch nach dreissig Jahren bin ich jetzt hier, ich will Mathematik studieren“. Oder eine Frau, eine Grossmutter schon, die Lesen und Schreiben lernte und damit nicht aufhörte. Jetzt geht sie auf die Grundstufe und danach macht sie die Mittelstufe. In der Rede, die sie vor vielen Leuten in Caracas hielt, als sie ihr Zeugnis erhielt, sagte sie: ,,Ich konnte meinen Kindern nicht beim Lernen helfen, weil ich nicht Lesen und Schreiben konnte. Aber jetzt helfe ich meinen Enkeln beim Lernen, ich helfe ihnen bei ihren Aufgaben.“ Jetzt, als Grossmutter.

99 Prozent dieser Personen sind arm oder sehr arm, viele von ihnen leben im Elend. Deshalb haben wir ein Stipendiensystem geschaffen. Wir finanzieren eine halbe Million Stipendien, jedes Stipendium beträgt 100 Dollar im Monat, das sind insgesamt 50 Millionen Dollar im Monat, fast sechshundert Millionen Dollar im Jahr, nur für Stipendien.

Die Neoliberalen sagen, dass sei Geldverschwendung. Nein, das ist keine Geldverschwendung. Dieses Geld haben sie früher gestohlen. Jetzt geben wir es zurück,

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geben den Armen die Macht, damit sie die Armut besiegen können. Und das ist nur ein Beispiel für alles was passiert als Teil der revolutionären Gegenoffensive.

2003 entstanden unter dem Eindruck der imperialistischen Aggression die Missionen und heute läuft zum Beispiel die Mission Barrio Adentro. Die Missionen sind die Form eines nationalen Kreuzzuges gegen die Probleme: Zivilisten, Soldaten, Alte, Junge, Gemeinschaften, die nationale Regierung, die lokalen Regierungen, die Basisorganisationen der Gemeinschaften.

Die Mission Barrio Adentro ist die medizinische Mission, ebenfalls vom revolutionären Cuba unterstützt. Heute gibt es in Venezuela fast zwanzigtausend kubanische Ärzte und Zahnärzte, die mit den Ärmsten zusammen leben, und venezolanische Krankenpfleger und –schwestern und Gesundheitskomitees in den Vierteln.

Heute geht der grösste Teil der Kosten der Mission Barrio Adentro in die Bezahlung der Medikamente, für die die Menschen nicht einen einzigen Centavo bezahlen müssen. Und in die Unterstützung der Ärzte, in die Transportsysteme, die Kommunikationsmittel, den Bau von Ambulanzen, die Sprechstunden, die Ausrüstung, die Mannschaft, all das. Der grösste Teil dieser Kosten kommt aus den Erdöleinnahmen, die früher im Ausland blieben. Es gab einen perversen Kreislauf, die transnationalen Konzerne und die venezolanische Oligarchie bereicherten sich am Erdölreichtum, der nie dem venezolanischen Volk zugute kam.

Die Mission Barrio Adentro, die sich schon auf das ganze Land ausgedehnt hat, hat im Jahr 2004 mehr als 50 Millionen Behandlungen und Beratungen vollkommen kostenlos durchgeführt, einschliesslich kostenloser Medikamente. Merkt euch diese Zahlen. Denkt daran, dass Venezuela nicht Brasilien ist, dass wir in Venezuela rund 26 Millionen Menschen sind. Das heisst, die Mission Barrio Adentro hat innerhalb eines Jahres eine Anzahl von Behandlungen und Beratungen durchgeführt, die zweimal der venezolanischen Bevölkerung entspricht. Und diese Zahl ist höher als alle medizinischen und zahnmedizinischen Behandlungen, die in Venezuela in allen Krankenhäusern und allen Ambulanzen in den letzten fünf Jahren geleistet wurden. Jetzt könnt ihr euch eine Vorstellung davon machen, was diese Mission leistet. Solche Mathematik ist notwendig, um die Welt zu verstehen. Ich glaube, es war Pythagoras der sagte, Gott spreche durch die Mathematik.

Die Mission Sucre, dort ist der Minister für höhere Bildung, Samuel Moncada. Er leitet diese Mission für höhere Bildung. Dort ist die Ministerin für Wissenschaft und Technologie, Yadira Córdova, die an der Spitze der Mission Semilla (Saatkorn) steht. Dort ist Minister Francisco Armada für die Gesundheitsmission. Dort ist der venezolanische Aussenminister Alí Rodrígeuez. Er war Präsident der PdVSA, er war Präsident der OPEC und jetzt ist er unser Aussenminister. Hier ist der Landwirtschaftsminister Antonio Albarrán. Das sind meine Compañeros, sie alle sind meine Arbeitskollegen. Und dort sind die Muchachos der Bolivarianischen Universität von Venezuela. Wie geht es euch, Muchachos?

Die Bolivarianische Universität. Seht ihr, das ist ein Beispiel der Revolution in Venezuela. Sie ist gerade mal ein Jahr alt, und dort sind ihre Compañeros. Ich grüsse euch, Compañeros, vielen Dank und geht weiter voranm denn die Zukunft gehört euch!

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Muchachos, Compañeras und Compañeros, hört euch diese Zahlen an. Auch das ist die Revolution. Unter anderem bedeutet sie eine Beschleunigung und Vertiefung von Prozessen, vor allem in Richtung auf eine Gesellschaft von Gleichen, in der es keine Ausgeschlossenen mehr gibt. Der grösste Teil dieser Muchachos wartete jahrelang auf ihre Zulassung zur Universität. Sie konnten nicht auf die Universität gehen. Die Universitäten wurden privatisiert, entsprechend dem Plan des neoliberalen Imperialismus. Das Gesundheitswesen wurde privatisiert. Aber das darf man nicht privatisieren, die Gesundheit ist ein grundlegendes Menschenrecht. Bildung, Wasser, Strom, die öffentlichen Dienste kann man nicht dem Kapital zum Frass vorwerfen, das den Völkern ihre Rechte verweigert. Das ist der Weg der Barbarei, der Kapitalismus ist die Barbarei. Ich bin jeden Tag mehr der Überzeugung, und daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass es notwendig ist, den Kapitalismus zu überwinden. Aber ich füge hinzu: Den Kapitalismus kann man nicht innerhalb des Kapitalismus überwinden. Nein, der Kapitalismus muss auf dem Weg des Sozialismus überwunden werden. Der Weg, auf dem das kapitalistische Modell überwunden wird, ist der wirkliche Sozialismus, die Gleichheit, die Gerechtigkeit.

Ich bin ausserdem, wie Ignacio Ramonet, davon überzeugt, dass es möglich ist, den Kapitalismus auf dem Weg des Sozialismus zu überwinden, ohne dabei auf die Demokratie zu verzichten. Aber, aufgepasst, was für eine Art von Demokratie. Es geht nicht um die Art von Demokratie, wie sie uns Mister Superman in Washington aufzwingen will. Nein, das ist nicht die Demokratie. Denkt daran, was neulich Condoleezza – ich sage lieber Condolencia (Kondolenz = Beileid) -, was also Condolencia Rice über uns gesagt hat. Da seht ihr, woher der Imperialismus heute kommt. Sie wissen, dass sie innerhalb Venezuelas keine Kraft. Doch selbst, wenn sie uns überfallen sollten, werden sie an den Küsten der Karibik und an den Ufern des Orinoco und in den heldenhaften Savannen Venezuelas den Staub der Niederlage schlucken müssen, dort, wo bereits die Heere Bolívars und Abreu E’Limas kämpften, die Befreier unserer Heimat.

Das Volk Venezuelas ist heldenhaft, ebenso wie das Brasiliens und alle Völker unseres Amerika. Wenn diese Völker sich für die Freiheit entscheiden, gibt es keine Kraft, die sie aufhalten kann. Es gibt keine Kraft, die sie aufhalten kann.

Ich bewundere sehr den Che, ich besinge ihn und ich lese ihn und ich erinnere an ihn. Aber die These des Che vom Guerrillafokus war in jenem Moment nicht gangbar. Hundert Männer in den Bergen, das konnte in Cuba funktionieren, aber die Bedingungen dort waren vollkommen anders. Deshalb starb Che in Bolivien. Er starb wie ein Quichote. Er selbst sagte „Ich spüre wieder meine Rosinante von mir“ als er sich von seinen Eltern verabschiedete und von seinen Kindern. Unter uns ist natürlich Aleida. Wo ist Aleida, die Tochter des Che? Eine der Töchter des Che, Aleida Guevara, ist hier. Ich sah sie heute morgen auf den Spuren ihres Vaters. Es lebe Che Guevara, verdammt nochmal!

Aber die Geschichte oder besser die Wirklichkeit zeigte, dass die These von den zwei, drei, vielen Vietnam in Lateinamerika auch in Venezuela nicht verfangen hat. Alí Rodríguez war Guerrillachef, als Soldat habe ich ihn früher gejagt. Aber er war immer sehr schnell, ich habe ihn nie gekriegt. Später habe ich ihn dann gekriegt und wir haben uns verschworen, Ana Manuela, und hier sind wir nun. Er als Aussenminister, ich als Präsident. Aber er ist Alí und ich bin Hugo und seit 30 Jahren folgen wir diesem Weg.

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Heute ist die Situation eine andere. Nun ist es kein Guerrillatrupp, der von den Rangers oder den Marines in einem Gebirge umzingelt werden kann, wie sie Che umzingelten und einen nach dem anderen massakrierten. Klar, das war eine Gruppe von 50 Leuten gegen 500, die nur mit alten Gewehren bewaffnet war. Heute sind wir Millionen. Wie wollen sie uns da umzingeln, wo wollen sie uns umstellen. Sie müssen vielmehr aufpassen, das sie am Ende nicht selbst die Umzingelten sind. Irgendwann passiert dann das Märchen: ,,Ihr seid umzingelt, ergebt euch!“ Dann sind wir so viele, dass wir sie umzingeln können. Noch sind wir nicht so weit, eines nach dem anderen. Nein, den Imperialismus, die Imperien, kann man nicht umzingeln. Sie werden von Innen zusammenbrechen, und es kommt der Tag, an dem sie stürzen – Platsch, platsch – und es bleiben nur Trümmerstücke. Es ergeht ihnen so wie dem Römischen Imperium und allen Imperien Europas in den vergangenen Jahrhunderten.

Eines Tages wird die Unzufriedenheit, die im Inneren des nordamerikanischen Imperialismus herrscht, ihn beseitigen und das grosse Volk des Martin Luther King wird frei sein. Das grosse nordamerikanische Volk ist ein Brudervolk. Ich grüsse von hier aus das Volk der Vereinigten Staaten von Nordamerika, das Volk Kanadas, die Völker Europas, alle Völker der Welt.

Um diese Dinge zu sagen, bin ich hierher gekommen. Und ich habe die Kraft empfangen, die ihr einem gebt; die Leidenschaft, die ihr einem vermittelt. So wie einen seit langem jene alten Typen beeinflussen, so tut nun ihr es, die neuen Typen und neuen Typinnen. Wir alle hier sind Typen, wir alle hier sind Typinnen.

Ich möchte eure Geduld nicht überstrapazieren, ich habe sie schon ganz schön strapaziert. Wir haben uns im sozialen, im ökonomischen, im politischen, im nationalen und im internationalen Bereich gestärkt. Heute ist Venezuela stärker als jemals zuvor in den vergangenen 100 Jahren, sowohl nach Innen als auch der gesamten Welt gegenüber. Heute haben wir eine gestärkte Heimat, ein gestärktes Volk, eine gestärkte Revolution, die immer stärker werden.

Wir brechen nicht in Siegesschreie aus, aber das ist die Realität, die der Prozess zeigt. Es gilt, ihn Tag für Tag zu bewahren. Das ist immer eine meiner Forderungen an meine Compañeros, an meine Compañeras, Tag für Tag.

Che sagte: ,,Die Revolution darf sich nicht gegen die Effizienz stellen.“ Wir brauchen revolutionäre Effizienz, wir müssen immer effizienter werden, jeden Tag effektiver werden. Wir kämpfen gegen alte Übel wie die Korruption, das Fehlen von Werten. Diese Übel sind ständige Bedrohungen. Zwei grosse Bedrohungen sind Ineffizienz und Korruption. Und der Bürokratismus auch, wie schon Che sagte. Der Kampf gegen den Bürokratismus ist eine alltägliche Kampfaufgabe für jeden Revolutionär, damit uns die Bürokratie – oder besser: der Bürokratismus – keine Fesseln anlegt.

Das Jahr 2004 war das Jahr des Sieges, des grossen politischen Sieges. Wir stellten uns dem Abberufungsreferendum. Sie sagten, ich würde alles mögliche anstellen, um es zu verhindern, weil ich mich nicht auszählen lassen wollte, wie es die Neoliberalen sagen. Ich hätte Angst vor dem Volk. Lüge! Ich habe nie irgendwas unternommen, um es zu

verhindern. Sie mussten nur die Anforderungen erfüllen, die von der Verfassung vorgeschrieben werden. Sie mussten die Unterschriften im vorgeschriebenen Zeitraum

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sammeln. Sie mussten tun, was ihnen die Institutionen sagten. Weder die OAS noch die nordamerikanische Regierung konnten die Unterschriften einreichen. Sie mussten sie auf der Strasse und unter Zeugen sammeln.

Schliesslich sammelten sie sie, auch wenn viele Zweifel blieben. Hunderttausende falsche und doppelte Unterschriften, Tausende und Abertausende von vor längerer Zeit verstorbenen Menschen, die in den Listen auftauchten. Aber schliesslich sagte der Wahlrat ,,ja“, sie hätten die 20 Prozent erreicht. Und dann war ich der erste der sagte: Wir stellen uns dem Referendum. Und ich warnte sie: ,,Wir werden euch besiegen!“ Und am 15. August haben wir sie mit 60 Prozent der Stimmen besiegt, viel mehr als vor fünf Jahren. Und dann die Regionalwahlen am 31. Oktober. Von 24 Gouverneuren gewannen wir 22, und die zwei, die wir nicht gewannen, verloren wir aus eigener Dummheit. 22 Gouverneure, über 80 Prozent der Rathäuser, über 80 Prozent der regionalen Abgeordneten. Das heisst ein sozialer Fortschritt, ein Fortschritt des sozialen Modells der Einbeziehung, ein politischer Fortschritt.

Die Stärkung der Institutionen ist eine weitere sehr wichtige Sache. Zum Beispiel die Stärkung der Justiz. In Venezuela gab es einen Staatsstreich. Sie nahmen mich gefangen, sie verschleppten mich auf eine Insel. Doch dann sagten die Richter des Obersten Gerichtshofes, es habe gar keinen Putsch gegeben. Ich sei von einigen, von den besten Absichten geleiteten Militärs in Obhut genommen worden. Es habe ein Machtvakuum gegeben.

Nun nicht mehr. Jetzt haben sich die juristische Macht, die Macht der Bürger gefestigt. Die Nationalversammlung konnte wegen der Sabotage nicht mal mehr Gesetze verabschieden. Einmal mussten die revolutionären Abgeordneten sogar ausserhalb des Parlamentsgebäudes tagen. Im Gegensatz dazu wurden 2004, vor allem Ende des Jahres, wichtige Gesetze verabschiedet. Zum Beispiel das Gesetz über die soziale Verantwortung von Radio und Fernsehen, denn der zügellose Missbrauch der Medien, die ständigen Angriffe der privaten Fernsehsender, konnten so nicht weitergehen. Und andere wichtige Gesetze wie das Gesetz über den Obersten Gerichtshof, durch das wir das noch verseuchte Justizystem säubern können.

Das ist eine der Schwierigkeiten der Revolution in der Demokratie, die Langsamkeit einiger Prozesse. Niemand darf sich entmutigen lassen. Schon Simón Bolívar sagte es klar und deutlich, und ich nutze seine Worte: ,,Wenn wir die Heimat haben wollen, brauchen wir Geduld und nochmals Geduld, Arbeit und nochmals Arbeit, Beharrlichkeit und nochmals Beharrlichkeit.“ Das sage ich auch immer dem venezolanischen Volk: Geduld, Beharrlichkeit und Arbeit, ein festes Bewusstsein, dass sich die Veränderungen vollziehen. Klar, diese Veränderungen passieren nicht von selbst, sie müssen vorangetrieben werden. 2003, 2004 stärkten wir die Wirtschaft. Die venezolanische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 20 Prozent gewachsen. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Sie lang bei 20 Prozent und ist auf unter 11 Prozent gesunken. Die Inflation war als eine Folge der Wirtschaftssabotage auf über 30 Prozent gestiegen und liegt jetzt wieder bei etwa 20 Prozent. Das ist noch immer sehr hoch, aber sie sinkt deutlich. Die internationalen Währungsreserven haben Rekordhöhen erreicht. Die Erdölproduktion ist vollständig wiederhergestellt, wir produzieren täglich über drei Millionen Tonnen Erdöl. Die Wirtschaft wächst, das Handwerk, die Landwirtschaft. Heute kann Venezuela zum ersten Mal seit langem sagen, dass wir zum Beispiel kein Reis mehr importieren müssen. Wir können uns selbst mit Reis und Mais versorgen und erobern weiter die Landwirtschaft zurück. Es läuft der Krieg gegen den Grossgrundbesitz.

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Ich möchte den brasilianischen Arbeitern, der Landlosenbewegung meine Anerkennung aussprechen, die ein Beispiel für uns waren und ein Beispiel für alle Bauern dieses Kontinents sind, ein Beispiel des Kampfes um den Boden, für Gerechtigkeit auf dem Land und die Lebensmittelsouveränität.

Soweit zum Fortschreiten der Revolution im sozialen, politischen, ökonomischen, nationalen und internationalen Bereich. Venezuela trat 2004 dem Mercosur bei. Es wurde die Südamerikanische Gemeinschaft der Nationen geboren, auch wenn ich anfangs mit ihrem Profil nicht zufrieden war. Aber vor fünf Jahren haben auch mich einige kritisiert, weil ich im Jahr 2000 am Amerikagipfel in Kanada teilgenommen hatte, bei dem vor allem über ALCA gesprochen wurde. Schliesslich war ich der einzige Präsident, der sich dort gegen das ALCA-Projekt stellte. Von da an begannen wir unsere Kampagne gegen ALCA, denn ALCA ist nichts anderes als ein kolonialistisches Projekt. Und merkt ihr was: Wir können zwar noch nicht sagen, dass wir gesiegt haben, aber wir sind nicht weit vom Ziel entfernt, dem Ziel der Schaffung eines alternativen Modells der Integration, das wir die Bolivarianische Alternative für Lateinamerika, ALBA, nennen. Dieses Modell läuft, kommt vorwärts, und man wünscht sich manchmal, dass es schneller gehen möge. Aber es gibt Realitäten, alles zu seiner Zeit. Denkt daran: Der 1. Januar 2005 ist vorbei und ALCA ist zum Teufel. ALCA gibt es nicht, es gibt nur Akten. Der nordamerikanische Imperialismus hatte nicht die Kraft, den Völkern dieses Kontinents das neokoloniale und imperialistische ALCA-Modell aufzuzwingen.

Ich will die Schwächen des Imperiums nicht übertreiben, es wäre fatal, den Gegner zu unterschätzen, besonders diesen Gegner. Aber man muss auch objektiv die Schwächen des Gegners erkennen. Denn wenn man glaubt, der Gegner sei unbesiegbar, dann ist er unbesiegbar. Der nordamerikanische Imperialismus ist nicht unbesiegbar. Es gibt das

historische Beispiel Vietnams. Das Volk des Irak leistet den Übergriffen und der Invasion Widerstand. Das revolutionäre Cuba leistet dem nordamerikanischen Imperialismus seit 40 Jahren Widerstand. Das bolivarianische Venezuela widersteht seit sechs Jahren dem nordamerikanischen Imperialismus. Das Imperium ist nicht unbesiegbar, es ist wichtig, das zu wissen. Wisst ihr warum? Weil manche Leute ehrlich glauben, er sei unbesiegbar, dass man dem Imperialismus nicht einmal etwas sagen darf, weil es ihnen missfallen könnte und sie wild werden würden.

Bei einer Gelegenheit, als ich auf dem Weg nach Bagdad war, waren wir gerade in Teheran und wollten von dort nach Bagdad weiterreisen, da erschien dieser Herr auf dem Bildschirm, den man jeden Tag sieht, der Pressesprecher des Weissen Hauses, der Speaker, und er sagte in Washington, dass Chávez nicht nach Bagdad fahren solle, sie seien seht irritiert. Das sagte er: ,,irritiert“.

Später fragten mich einige Journalisten, was ich davon hielte, dass sie irritiert waren. Und ich antwortete: ,,Gut, wenn sie irritiert sind, schicke ich ihnen eine Grosspackung Copertone. So heisst doch das, was die Frauen nehmen gegen Hautirritationen, oder? Ein Mittel gegen Hautirritation jedenfalls. Es interessiert mich jedenfalls einen Dreck, ob sie in Washington irritiert sind, warum sollte es.“

Simón Bolívar schleuderte 1811 in Caracas als 27jähriger einigen Angsthasen entgegen, die nicht die Unabhängigkeit vom spanischen Imperium erklären wollten: ,,Was interessiert es uns, ob Spanien seine Sklaven an Bonaparte verkauft, wenn wir frei sein wollen!“ Oder der General San Martín, der grosse Befreier des Südens: ,,Seien wir frei,

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alles weitere interessiert nicht. Nichts interessiert uns, wir sind frei und wollen endgültig frei sein, koste es was es wolle und komme was wolle.“

Goliath ist nicht unbesiegbar, der Imperialismus ist nicht unbesiegbar. Das macht ihn noch gefährlicher, das stimmt. Denn der Imperialismus beginnt seine Schwächen zu spüren, deshalb greift er zur brutalen Gewalt.

Der brutale Angriff auf Venezuela ist ein Zeichen von Schwäche, von ideologischer Schwäche, was eine der grössten Schwächen ist. Fast niemand traut sich mehr, den Neoliberalismus zu verteidigen. Bis vor drei Jahren waren Fidel und ich bei diesen Präsidententreffen fast allein. Es war wie ein neoliberaler Chor und man fühlte sich wie ein eingeschleuster Verschwörer. Heute nicht mehr, niemand traut sich mehr, das neoliberale Modell zu verteidigen. Das ist eine der Schwächen, der Neoliberalismus steht nackt da. Die ideologischen Schwächen sind offensichtlich, auch die ökonomischen Schwächen sind offensichtlich und alles deutet darauf hin, dass diese Schwächen zu nehmen werden. Dazu reicht es schon, sich die innere Unterdrückung in den Vereinigten Staaten anzusehen. Das „Patriot“ genannte Gesetz, was ist das anderes als ein Gesetz zur Unterdrückung der US-Bürger.

Sie sprechen von Meinungsfreiheit und verletzen sie jeden Tag. Sie haben eine Gruppe von Journalisten eingesperrt, weil diese ihre Informanten nicht nennen. Sie verfolgen die Journalisten. Sie erlauben nicht, die Leichen der US-Soldaten zu fotografieren, sie werden geheim begraben. Da ist Zeichen der Schwäche des Goliath.

Auf der anderen Seite erscheinen in der Welt alte Akteure und neue Akteure auf der geopolitischen Weltkarte, die man anerkennen muss und die auch einen Einfluss auf die Stärken und Schwächen der nordamerikanischen imperialistischen Hegemonie haben. Ich spreche jetzt nicht mehr von inneren objektiven oder subjektiven Schwächen des Imperialismus.

Das heutige Russland ist nicht mehr das vor den Herren in Washington auf den Knien liegende Russland Jelzins. Es gibt einen neuen russischen Nationalismus, ich konnte ihn in den Strassen Moskaus sehen und spüren.

Bis vor wenigen Jahren traute sich in Moskau fast niemand, von Karl Marx zu sprechen. Fast niemand traute sich in Moskau oder in den Städten Russlands von Wladimir Iljitsch Uljanow zu sprechen. Nun ja, während meiner letzten Reise wurde ich zu einem Gespräch im Philosophischen Institut in Moskau eingeladen. Und dort sprach man von Karl Marx, von Lenin, von Engels. Es gibt eine Strömung, die jene Dinge wieder untersucht. Und vor allem ausserhalb der Ideologie hat sich Russland wieder erhoben. Das ist nicht mehr das auf den Knien liegende Russland, das zum Weinen war. Es gibt dort einen guten Präsidenten, Wladimir Putin. Gar nicht zu sprechen von China. China schreitet voran, wächst, wird stärker. Wir waren vor einigen Tagen in Peking, zu Weihnachten. China ist bereits eine Weltmacht. Ökonomisch wächst China seit zwanzig Jahren um durchschnittlich neun Prozent im Jahr, ein technologisches, autonomes und souveränes Wachstum.

Das vereinigte Europa und jetzt eine neue sozialistische Regierung in Spanien. Das ist nicht mehr die Regierung von Aznar, die ebenfalls vor den Herren des Imperialismus auf den Knien lag.

In Asien und Afrika besuchte ich kürzlich einen anderen Typen, Muhammad Al­Ghaddafi, und wir haben in Tripolis mit Ahmed Ben Bella gesprochen, dem algerischen

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und afrikanischen Führer der arabischen Völker, die seit Jahrhunderten für ihren Glauben mit ihren Göttern und ihren Träumen kämpfen. Ghaddafi sagte mir, sei sehr optimistisch über den Prozess der afrikanischen Einheit. Das selbe sagte mir der Präsident Algeriens, der gute Freund Abdel Aziz Buteflika.

Iran wird stärker, dort war ich ebenfalls im November mit dem Präsidenten Mohammed Chatami und dem Führer Chamenei zusammen. Iran wird stärker. Die Nordamerikaner wollten, dass der Iran seine Investitionen in die Nukleartechnik einstellt. Iran leistete Widerstand und schliesslich setzte sich die iranische Sichtweise durch. Mit ihnen wurde der nordamerikanische Imperialismus nicht fertig. Er bekam nicht die Unterstützung der Vereinten Nationen und nicht die Europas.

Und wir sind hier in Lateinamerika und dieses ist heute nicht mehr das selbe Lateinamerika, wie vor fünf Jahren. Aus Respekt kann ich nichts zur inneren Situation in den einzelnen Ländern sagen, aber glaubt mir, und das sage ich von Herzen: In Venezuela haben mich vor allem in den ersten zwei Jahren viele, viele meiner Anhänger kritisiert, haben gefordert, das wir schneller sein müssten. Sie forderten von mir, ich müsste radikaler sein. Ich hielt den Moment für noch nicht gekommen, denn in einem Prozess gibt es Phasen, Compañeros!

Es gibt Rhythmen, die nicht nur mit der inneren Situation jedes Landes zusammenhängen, sondern auch von der internationalen Situation. Und trotz des Risikos, das einige von euch jetzt etwas unruhig werden, das interessiert mich nicht: Ich liebe Lula, ich schätze ihn. Lula ist ein guter Mann mit grossem Herzen, er ist ein Bruder und Compañero. Ich umarme ihn herzlich und als Bruder. Ich bin sicher, dass mit Lula und dem Volk Brasiliens, mit Néstor Kirchner und dem argentinischen Volk, mit Tabaré Vásquez und dem Volk Uruguays wir den Weg zum Traum des vereinten Lateinamerikas öffnen, anders ist es unmöglich.

Ich umarme euch, ich liebe euch alle.

Vielen Dank!

Übersetzung: André Scheer, Netzwerk Venezuela

 

 

 

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